Donnerstag, 14. Juni 2012

Gastfreundschaft 1, Parkbank 0

Oranienstraße von oben bei Nacht
Ein Blick aus der WG: die Oranienstraße von oben bei Nacht - Foto: Benjamin Doerfel



Zeitweise war ich gestern obdachlos, dann kam ich, wie das im Leben so läuft, über drei Ecken an eine WG in der Oranienstraße. Erst haben wir Fußball am Görlitzer Bahnhof gesehen und dann waren sie noch so nett, mir einen Schlafplatz zu gewähren. Es gibt scheinbar doch noch gute Menschen.

Deutschland gegen Holland 2:1, alles schön und gut. Ein nettes Spiel, doch mein Highlight gestern Abend waren Anika, Dulcineia und Luis. Sie kannten mich vorher nicht, eine Freundin kannte eine Freundin und die kannte wiederum.... Naja, ich komme am Görlitzer Bahnhof an und fühle mich sofort willkommen. Wir gucken zusammen das Spiel, unterhalten uns. Einfach nette Menschen - soll es ja auch noch geben.

Nach dem Spiel fahren wir in ihre WG. Die liegt zwischen dem Oranienplatz und der Adalbertstraße. Nicht weit vom Görlitzer Bahnhof, doch wir nehmen den M29. Denn Luis hat sich den Fuß gebrochen, trägt zurzeit Krücken und noch für mindestens sechs weitere Wochen. Vor drei Wochen rutschte der gebürtige Portugiese vier kleine Stufen die Treppe herunter. So schnell kann es manchmal gehen und so fies kann das Leben selbst den nettesten Menschen mitspielen.

160 Quadratmeter inklusive Darkroom



Die WG-Bewohner Annika, Luis und Dulcinea
Annika (l.), Luis und Dulcinea

Vor der Wohnung beginnt dann das eigentliche Drama. Luis, Anika und Dulcineia wohnen im vierten Stock – ohne Aufzug. Luis muss jede einzelne Stufe auf einem Bein hochhüpfen, jeden Tag eine neue Tortur. Im dritten Stock ist das Geländer lose, so dass es immer jemand stabilisieren muss, damit Luis überhaupt die Treppe hochkommt.

Die Wohnung selbst ist mit 160 Quadratmetern riesengroß. Das Highlight der Wohnung ist für mich der Darkroom. Eine kleine Abstellkammer, vielleicht drei Quadratmeter groß. Hier herrscht „Ludolf-Ordnung“, alles ist irgendwie übereinander geworfen und aufgetürmt, aber Anika schwört, dass das System hat. „Die wichtigen Dinge liegen ganze vorne“, sagt sie. Besser ist das, denn was hinten liegt, kann man sowieso nicht erreichen.

Warum sind die alle so nett?



Neben Luis, Anika und Dulcineia wohnt noch ein viertes Mitglied in der WG, den seine Mitbewohner liebevoll nur „Fleischmütze“ nennen. Doch „Fleischmütze muss bis spät in die Nacht arbeiten.

Es ist ein herzlicher Umgang in der WG, obwohl alle so verschieden sind. Luis arbeitet im Museum für Kommunikation, Dulcineia studiert Architektur und Anika ist Lehrerin. Sie gibt Sprachkurse, Deutsch als Fremdsprache. Ab Juli wird sie dann für ein Stipendium ein Jahr nach Rio de Janeiro gehen. Ihren Platz in der WG halten ihre Mitbewohner für sie aber warm, so dass sie problemlos zurückkehren kann. Drei völlig unterschiedliche Charaktere, aber eins eint alle: das liebevolle Miteinander.

Es herrscht ein wahnsinnig netter und hilfsbreiter Umgang, auch mir gegenüber, einem völlig Fremden. Mir werden Getränke angeboten, etwas zu essen. Ich bekomme sogar ein eigenes Zimmer. Das Zimmer sei fast immer frei, falls mal Gäste kommen, sagt Anika. Ich bin fast peinlich berührt von soviel menschlicher Wärme.

Eine Nacht unter der Flagge Portugals

Handschellen am Bett
Ein kleines Accessoire im Gästezimmer.



Im Gästezimmer hat Luis seine Finger im Spiel. An einem Schrank hängt eine Landkarte von Portugal und direkt über dem Bett eine große portugiesische Nationalflagge, auf die ich die ganze Zeit starre, während ich gegen 1:30 Uhr nicht so recht einschlafen kann.

Als ich am Morgen gehe, bleibt mir nur eins zu sagen: Danke.


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