Mittwoch, 13. Juni 2012

Gott als letzter Ausweg

Danielle und ich auf dem Oranienplatz
Danielle und ich auf dem Oranienplatz - Foto: Benjamin Doerfel



Danielle (23) kommt aus Texas. Ihr Vater ging am Alkohol zugrunde, als sie sechs war. Später verfiel sie selbst dem Suff, landete vor Gericht und im Knast. Dann fand sie Gott, der ihr Leben veränderte.

Da sitze ich nichts Böses ahnend am Oranienplatz und dann kommt dieses liebe blonde Mädchen auf mich zu. Sie ist einfach neugierig auf Menschen und will die Botschaft Gottes verbreiten. Na da ist sie ja genau an den Richtigen geraten. Religion, Gott, Erlösung: nicht unbedingt meine Baustelle.

Wir geraten ins Plaudern. Erst fünf Minuten, dann zehn Minuten, am Ende wird es eine Stunde sein. Danielle ist erst 23 Jahre und hat schon viel erlebt. In ihrer Heimat in Texas stirbt ihr Vater an den Folgen seines langfristigen Alkoholkonsums. Da ist Danielle gerade erst sechs. Sie wächst ohne Vater auf und schwört sich, dass ihr das niemals passieren wird.

In der Abwärtsspirale



Es wird ihr nicht gelingen, dabei läuft eigentlich alles optimal. Sie bekommt ein Stipendium, studiert Medizin. „Den Tag über war alles gut, doch abends fehlte irgendetwas.“ Ihr damaliger Freund und dessen Freunde trinken. Sie erst nicht, dann doch. Sie trinkt viel, soviel, dass es zum Problem wird. Sie verliert ihren Führerschein, darf zwei Jahre kein Auto fahren und trinkt weiter. Landet erst für eine Nacht in der Ausnüchterungszelle, beim nächsten Vorfall muss sie vor Gericht. Vier Tage Haft.

Ein „Turning Point“. Sie trennt sich von ihrem Freund und beginnt die Bibel zu lesen. Später besucht sie ein „Bible College“ in Dallas. Langsam aber sicher versteht sie Gott und Jesus – „ihren Erlöser“, wie sie sagt, der für sie gestorben ist. Irgendwann in einer scheinbar unbedeutenden Alltagssituation habe sie eine Vision gehabt: „Ich habe gesehen, wie Jesus an mir vorbei gelaufen ist“, erzählt sie mit leuchtenden Augen.

Auch ihr Stiefvater stirbt



Nach dem Tod ihres Vaters lebt sie erst ohne männliches Vorbild, dann tritt ihr Stiefvater in ihr Leben. Mit ihm versteht sie sich prächtig. Alles scheint gut. Dann stirbt auch er. Aus heiterem Himmel und innerhalb von nur zwei Wochen. Ironischerweise an einem Leberschaden. Wo ist Gott in solchen Momenten, frage ich sie. „Das weiß ich auch nicht so recht. Ich habe mich einfach nur gefragt: Warum, Gott? Warum?“ Ihren Glauben kann das trotzdem nicht erschüttern. Alles habe eine Bedeutung, glaubt Danielle.

Ich glaube ihr, dass sie Gott gefunden hat, freue mich für sie, denn sie sagt: „Ohne Jesus wäre ich heute nicht hier.“ Verstehen, nachfühlen, begreifen kann ich ihre Einstellung nicht. Vielleicht geht es mir einfach zu gut, um nach Gott zu suchen. Das sei völlig okay, sagt Danielle, aber Gott könne das Leben eines jeden Einzelnen auf eine neue, andere und bessere Ebene heben.

Danielle will nach Deutschland ziehen



Sie zieht mit ihren Freunden durch Kreuzberg, singt Lieder und will Gottes Kunde verbreiten. Sie engagiert sich im Café SehnSucht in der Skalitzer Straße, will Schwachen und vor allem Suchtkranken helfen und zeigen, dass es einen Ausweg gibt. Drei Monate ist sie hier, dann geht es zurück nach Texas. „Aber ich will später nach Deutschland ziehen. Die Leute sind hier viel reflektierter als in Amerika.“ Bis dahin will sie fleißig Deutsch lernen, damit sie hier mit allen sprechen und jedem helfen kann.

Nach rund einer Stunde gucke ich auf die Uhr, merke wie die Zeit verflogen ist. Ein merkwürdiges Gespräch. Obwohl wir so verschieden sind, unterhalten wir uns angeregt. Im wahrsten Sinne über Gott und die Welt. Wir verständigen uns darauf, dass wir beide weiter „open minded“ durch die Welt gehen und Meinungen des Gegenübers respektieren.

Zum Schluss ein Segen



Bevor wir auseinander gehen, wird es noch mal skurril. Danielle will mich segnen. Von mir aus. Sie schließt ihre Augen, faltet ihre Hände, segnet mich, meinen Journalismus, dass ich meine Gabe zu schreiben (ihre Worte) nutze, um Leben zu verändern - mitten auf dem Oranienplatz. Naja, ich werde es zumindest versuchen.

Was ist mit euch? An was glaubt ihr? An Gott? An euch selbst? An gar nichts?
Ich weiß, heikles Thema, drüber sprechen kann man trotzdem.



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