Montag, 11. Juni 2012

Grottenkick in netter Gesellschaft

Fußball gucken vor dem Spätkauf 36
Fußball gucken vor dem Spätkauf 36 Foto: Benjamin Doerfel



Frankreich gegen England. Eigentlich eine ganz passable Ansetzung in der EM-Vorrundengruppe D, doch das Spiel hält nicht, was es verspricht. Vor dem Spätkauf 36 am Ende der Oranienstraße macht es trotzdem Spaß.

Sie malträtiert ihre rotlackierten Fingernägel, als stünde die Apokalypse bevor. Doch es ist nur Frankreich gegen England. Sie raucht eine West-Zigarette nach der anderen in einer Taktung, als müsse sie morgen sechs Monate in die Entzugsklinik. Doch es ist nur Frankreich gegen England.

Wir sitzen vor dem Spätkauf 36 am hinteren Ende der Oranienstraße zwischen Heinrichplatz und Görlitzer Bahnhof. Der Fernseher hängt draußen fast auf dem Gehweg, davor einige Bänke, in der letzten Reihe sitze ich neben ihr.

Eine Französin in Kreuzberg




Aschenbecher
Zeichen der Anspannung Foto: Benjamin Doerfel

Sie trinkt Efes, ich Berliner Pilsener, die zwei bärtigen Jungs vor uns Dinkel Acker Radler. Was es alles gibt. Wir sitzen primär schweigend vor der flachen Flimmerkiste, fast kommentarlos lassen wir das Grauen über uns ergehen. Fragen muss ich sie trotzdem: Warum so angespannt beim ersten Gruppenspiel? „Ich bin in Frankreich geboren“, sagt sie mit nur noch leichtem Akzent. Die 25 Jahre in Deutschland haben Spuren hinterlassen, ihre Herkunft ist fast nicht mehr zu hören, dennoch fiebert sie für ihr Heimatland, zumindest gegen England. „Wenn Frankreich gegen Deutschland spielen würde, wäre ich aber für Deutschland“. Einen deutschen Pass habe sie jedoch nicht, verrät sie.

Ab und zu gehen Leute in den Spätkauf 36, zwingen den Besitzer seinen Platz in der ersten Reihe zu verlassen. Die meisten kaufen Bier. Auch der Geldautomat ist bei der vorbeilaufenden Kundschaft äußerst beliebt. Hin und wieder halten Fahrradfahrer an, gucken einige Sekunden mit uns das Spiel. Schnell merken sie, welchen fußballerischen Offenbarungseid sie da sehen müssen und fahren weiter.

Abpfiff, Abmarsch




Der Schlusspfiff ist wie eine Erlösung für uns. Fast fluchtartig verlassen alle ihre Sitzbänke. Keine großen Worte. Die hätte dieses Spiel auch nicht verdient gehabt. Eins zu eins. ’Nuff said. Meine französische Sitznachbarin sagt zum Abschied über ihre Landsleute nur lapidar: „Wenn sie scheiße spielen, sollen sie auch nicht gewinnen.“ Es war ja auch nur Frankreich gegen England.
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