Dienstag, 19. Juni 2012

Meine Woche mit der O

Die Oranienstraße vom Görlitzer Bahnhof aus
Die Oranienstraße vom Görlitzer Bahnhof aus - Foto: Benjamin Doerfel


Meine Woche auf der Oranienstraße ist vorbei. Endlich? Zum Glück? Leider? Ich weiß nicht so recht.

So ein Blog ist ja eigentlich eine recht simple Sache, man schreibt über Dinge, Menschen, Erlebnisse, die einen persönlich interessieren und berühren. Und in einem Stadtteil-Blog schreibt man über seinen Kiez. Für mich gar nicht so einfach, denn die Oranienstraße und Kreuzberg ist nicht mein Kiez.

Ich komme aus Norddeutschland, war mal hier mal da in Deutschland und in der Welt. In Berlin bin ich erst seit Januar, zwei Monate Prenzlauer Berg, seit März in Schöneberg. Und nun sollte ich über eine Straße bloggen, die ich im Prinzip gar nicht kenne. Schwierig. Mittlerweile kenne ich sie, sehr gut sogar, doch es hat gedauert, bis ich mich zurechtgefunden habe. Die Woche direkt dort zu leben war sicher hilfreich, dennoch bin ich die O unzählige Male auf-, und abgelaufen, häufig habe ich mit gefühlt wie ein herumstreunender Straßenköter, mal mit, mal ohne Ziel.

Die O hat viele Facetten



Und habe dabei viel gesehen. Leute sämtlicher Nationen, die in der Oranienstraße wohnen, Menschen sämtlicher Nationen, die die O besuchen, Ur-Kreuzberger, die sich wünschen, es wäre wie früher, merkwürdige Hipster, die das Bild einer Straße prägen, das so eigentlich gar nicht ist. Ich habe dicke Porsches gesehen, die die Straße auf und abfahren, und Obdachlose, die auf mitten am Oranienplatz auf Parkbänken schlafen. Die O hat eben viele Facetten.

Ich habe mit vielen interessanten Menschen gesprochen. Unter anderem mit dem Künstler Klaus Theuerkauf, der mich, nachdem ich ihm offenbarte, dass ich von der Axel-Springer-Akademie komme, am liebsten gleich rausgeworfen hätte, trotzdem haben wir uns danach in seinem Atelier über eine Stunde unterhalten.

Es gab viele bewegende Momente: Die WG, die mich für eine Nacht aufgenommen hat, obwohl sie mich nicht kannten, Danielle aus Texas, die mir von ihrem toten Vater und ihrem Weg zu Gott erzählte, Gobi, der seinen Kiez nicht mehr wiedererkennt und keine Lust auf Touristen hat, oder Bob aus England, der seine Ex-Frau noch liebt. Sie und andere haben sich mir anvertraut, mir ihre emotionalen Geschichten erzählt. Und dafür bin ich ihnen dankbar.

Eine Woche unter Fremden



Und ich habe viel gelernt: über die Straße, ihre Bewohner, ihre Besucher und auch über mich. Gar nicht so einfach eine Woche komplett aus seinem gewohnten sozialen Umfeld gerissen zu werden. Ich bin sicher nicht äußerst harmoniebedürftig, aber eine Woche fast nur Fremde zu sehen und kaum mal eine vertraute Person, war schon merkwürdig.

Trotzdem habe ich mich wohl gefühlt auf der Oranienstraße. Hin und wieder etwas Springer-Ablehnung, aber wenn man etwas länger ins Gespräch kam, waren alle nett und freundlich. Sicher gefällt nicht allen, wie sich die Straße entwickelt hat, doch man merkt den O’lern an, dass sie ihre Straße und ihren Kiez lieben, dafür sind sie auch bereit sich zu wehren, zu demonstrieren, um den Ort zu erhalten, an dem sie sich so wohl fühlen.

Immer in Bewegung



Und langweilig wurde es hier nie. Mal ziehen 20 singende Mädels durch die Oranienstraße, mal beschimpfen sich zwei Junkies auf offenere Straße und mal wird eine neue Fernsehserie gedreht. Die O stagniert nie, auch wenn einige Ur-Kreuzberger das gerne so hätten, sie entwickelt sich stetig weiter, erfindet sich neu und bleibt sich doch irgendwie treu.

Der Kiez hat seine ganz eigene Identität, und ich war zumindest eine Woche ein intensiver Teil davon, konnte und durfte erleben, wie es sich anfühlt, dazuzugehören. Und ich habe es geliebt. Ich mag es, wenn es laut ist bis spät in die Nacht, wenn Leben auf der Straße herrscht. Nun bin ich erst mal wieder in meiner eigenen Wohnung, ganz für mich allein. Auch schön. Aber irgendwie sehnt man sich ja immer nach dem, was man gerade nicht hat und so sehne ich mich schon wieder ein wenig nach der Oranienstraße.

Zwar lebe ich nicht mehr da, aber hier im Blog wird es weitergehen, in welcher Form ist noch unklar, aber die O ist viel zu spannend, um sie nach einer Woche einfach wegzuwerfen, wie ein benutztes Handtuch. Die O ist Berlin, Berlin auf 2200 Metern.
And I’ll be back.
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